Holocaust mit Happy End?

Holocaust mit Happy End? Z(w)eitzeugin zu Besuch im Westfalen-Kolleg Dortmund

Bereits zum zweiten Mal war die Zeitzeugin Judith Rhodes aus Leeds, der Partnerstadt Dortmunds, am 25. Oktober Gast des Westfalen-Kollegs Dortmund. Ihre Mutter, Ursula Michel aus Ludwigshafen, war 1939 als Teenager mit einem der letzten Kindertransporte vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach England gelangt und konnte so dem Holocaust entkommen, während ihre Schwester und Eltern Opfer der Judenverfolgung wurden.

Koffergepackt Judith Rhodes Oktober 2016

In zwei Durchläufen sahen sich mehr als 100 Studierende verschiedener Kurse den von Kristina Förtsch (Regie) und Christian Schega (Produktion/Kamera) erstellten Film „Koffer gepackt und überlebt“ über das Schicksal der Familie Michel an. In den sich anschließenden Fragerunden gab Judith Rhodes Antworten, die sowohl Erfahrungen ihrer Mutter als auch ihre eigenen betrafen und agierte somit als Zeitzeugin wie auch als Vertreterin der zweiten Generation Holocaustüberlebender (= Zweitzeugin). Dabei ging es um die Frage deutscher-englischer Identität – war doch Judith Rhodes’ Mutter nach dem Krieg in England geblieben und hatte dort eine Familie gegründet –, aber auch um neuere Entwicklungen in der Familiengeschichte des Gastes.

Eindringlich konnte Judith Rhodes nämlich schildern, wie sie erst vor kurzem, am Jahreswechsel von 2015 zu 2016, über den Internationalen Suchdienst Bad Arolson (
ITS) Information erhalten hatte, dass ihre Tante Lilly überlebt habe und nun in einem Altersheim der USA lebe. Nach einer bangen Zeit, in der sie sich auch mit Fragen geplagt habe, was die Tante wohl erlebt haben müsse, dass sie sich nie bei ihrer Schwester in England meldete, stellte sich die Spur als falsch heraus. Tatsächlich hatte eine andere Frau rumänischer Herkunft nach dem Krieg die deutsche Identität Lilly Michels benutzt, um so leichter in die USA einwandern zu können.

Nach dem Kriege gab es in Europa riesige Camps von heimatentwurzelten Menschen (
Displaced Persons: KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge), und zweifelsohne hätte man KZ-Überlebende deutscher Abstammung nicht zurück nach Deutschland geschickt, wohl aber Menschen mit rumänischen Wurzeln in ein kommunistisches Land, das viele der jüdischen Überlebenden u.a. wegen des auch dort vorherrschenden Antisemitismus und der schlechten Wirtschaftslage nicht zu ihrer neuen Heimat machen wollten. Diese Erlebnisse jüngster Zeit, aber auch der Bericht Judith Rhodes’ über einen Nervenzusammenbruch ihrer Mutter als junger Frau, die vom Tod ihrer Familie erfuhr, zeigen deutlich, warum den Holocaust zu überleben eben doch einem Happyend mit Fragezeichen gleichkommt.


PS
Am darauf folgenden Tag, dem Geburtstag ihrer verstorbenen Mutter, war Judith Rhodes dann Gast im Jüdischen Museum bei einer Veranstaltung zur gleichen Thematik, die sich an Lehrkräfte richtete und von Dr. Anja Wieber, Geschichtslehrerin am Westfalen-Kolleg, moderiert wurde.
PS 2
Wie immer waren viele helfende Hände bei dieser Veranstaltung nötig, daher sei der Hausmeisterei und Kolleginnen für ihre Unterstützung gedankt.
Sonja Büscher/Dr. Anja Wieber