Deutsche Historie in der Crèmedose - eine besondere Geschichtsstunde in abitur-online.nrw

Was macht eine Geschichtslehrerin, wenn ihre Studierenden gerne einen Museumsgang unternehmen würden, die gesamte Präsenzzeit der Lerngruppe aber immer an Montagen liegt, an denen bekanntlich Museen ihren Ruhetag haben?

Im abendgymnasialen Bildungsgang abitur-online am Westfalen-Kolleg Dortmund gibt es nämlich die Gruppe der „Beruflich Reisenden“, die aufgrund ihrer berufsbedingten Mobilität in einem Circus oder als Schausteller in einem speziellen Format von abitur-online.nrw unterrichtet werden. Im Gegensatz zu den Regelstudierenden in abitur-online kommen die „Beruflich Reisenden“ nicht wöchentlich, sondern nur zweimal im Monat zum Präsenzunterricht nach Dortmund. Dafür dann ganztägig von 10 - 19 Uhr. Die weitere Unterrichtsarbeit in den Distanzphasen wird über ein virtuelles Klassenzimmer (synchrones E-Learning aller Teilnehmer mit Hilfe einer speziellen Software) und asynchrone aufgabengesteuerte Arbeit auf der Lernplattform Fronter geleistet. Diese Unterrichtsform stellt an Studierende und Lehrkräfte besondere Anforderungen.

So kam es im Schuljahr 2013/14-2, dass mein Geschichtskurs, eben das 2. Semester der Beruflich Reisenden, aus drei jungen Damen bestand, nämlich Danielle Schneider, Alexander Rizaeva und Alexandra Weygand, und für das Semesterende im Sommer hatte ich als krönenden Abschluss der Einführungsphase eine besondere Geschichtsstunde versprochen.

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Da ein Museumsbesuch also nicht in Frage kam, musste das Museum gewissermaßen in die Schule kommen. Durch einen eigenen Besuch im „Jüdischen Museum Westfalen“ (Dorsten) war ich auf die Ausstellung zu Oscar Troplowitz aufmerksam geworden. Troplowitz hatte als Pharmazeut und Unternehmer, die kleine Firma Beiersdorf aufgekauft und die Firma u.a. durch bahnbrechende Erfindungen wie die der neuartigen Crème „Nivea“ großgemacht. Außerdem war er als Kunstmäzen aufgetreten und setzte sich als äußerst sozialer Unternehmer für die Belange seiner Mitarbeiter ein, indem er z.B. Mittagstisch, Pensionskasse, Stillstuben für unverheiratete Arbeiterinnen einführte. Ein Radiofeature des Senders Freies Berlin „Nivea, Aus dem Leben einer Cremedose oder wie eine Weltmarke entsteht“ lieferte mir weiteres Material. Bewaffnet mit Niveadosen - eine davon übrigens aus den 40er Jahren und damit ein auf dem Flohmarkt erstandener Überrest - und etlichen Sachtexten zum Thema trat ich den Weg in die Stunde an. Die moderne große Dose enthielt das Material, aus dem die Studierenden ihre Texte zur Bearbeitung auswählen konnten.

Der Werdegang „Niveas“ entpuppte sich als Schatzkästchen Deutscher Geschichte von 1870-1970. Der Lebensweg Toplowitz‘ steht beispielhaft für die politische Emanzipation und den sozialen Aufstieg der deutschen Juden im Kaiserreich, aber auch für Lösungsansätze der sozialen Frage von Unternehmerseite. Die frühe Radio- und Kinowerbung für das Produkt „Nivea“ geht zurück auf Elly-Heuss-Knapp, die weit mehr ist als nur die erste First Lady der jungen Bundesrepublik Deutschland. Sie war eine frühe Kämpferin für die Frauenbildung, das Frauenwahlrecht und Politikerin, die in der NS-Zeit als Werbetexterin zur Familienernährerin wurde, da ihr Mann, der liberale Politiker und spätere erste Bundespräsident der BRD Theodor Heuss, Berufserbot erhalten hatte, u.a. wegen der kritischen Studie
Hitlers Weg. Das Buch zählt übrigens zu der Gruppe der von den Nationalsozialsten auf dem Scheiterhaufen entsorgten Bücher. Doch zurück von der Bücherverbrennung zu „Nivea“: „Papa Heuss“ hat in jener Zeit des Berufsverbots übrigens auch den gutmütig polternden Familienvater in den Werbespots für die Crème gespielt. Die NS-Zeit hat die Firma Beiersdorf, die lange Zeit von den Nationalsozialisten als „Cremejuden“ angefeindet wurde, mit unpolitischen Marktstrategien überstanden, wenn auch mit finanziellen Einbußen. Nach dem Krieg reicht die deutsche Spaltung bis in die Crèmetiegel hinein, wie die ähnliche Vermarktung „Niveas“ in der BRD im Vergleich zu dem DDR-Konkurrenzprodukt „Florena“ zeigt.

Diese zahlreichen Verbindungen zwischen „Nivea“ und der deutschen Geschichte fanden in jener Abschlusssitzung des Sommersemesters ihren Ausdruck in einem gemeinsam erstellten Tafelbild, das den Spaß der Teilnehmerinnen an der Beziehung zwischen Mikro- und Makrohistorie deutlich belegt – es steckt eben viel Geschichte drin in der Dose!

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Wer der Spur der Dose folgen möchte, findet Informationen unter:
http://www.ndr.de/kultur/geschichte/koepfe/Der-Mann-der-die-Nivea-Creme-erfand,troplowitz107.html
http://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Beiersdorf-Erst-Apotheke-nun-Kosmetik-Riese,unternehmensportraet22.html
Nivea, Aus dem Leben einer Cremedose oder wie eine Weltmarke entsteht, 1 CD, Der Audioverlag 2001

Dr. AnjaWieber

Fotostrecke zur Unterrichtsstunde