Nach dem Lager begann für mich die schlimme Zeit!

Micha Schliesser, Überlebender des Durchgangslager Westerbork, zu Gast im Westfalen-Kolleg Dortmund

Rund 120 Studierende des Westfalen-Kollegs und der Volkshochschule Dortmund hörten am 9. Februar 2016 gebannt zu, als Micha Schliesser von seinen ersten sieben Lebensjahren erzählte. Seine Lebensgeschichte bewegte die Zuhörer, wie an den vielen Fragen zu erkennen war.

1939 kam Micha Schliesser im Alter von fünf Monaten mit seinen Eltern in das Lager Westerbork. Die Eltern, eine erfolgreiche Designerin und ein leitender Angestellter einer Textilfabrik in Berlin, hatten die Genehmigung, über die Niederlande in die USA zu emigrieren. Auslöser für die Flucht war die Reichspogromnacht, die die Familie versteckt bei einem Nachbarn, einem ehemaligen General, erlebte. Dieser hatte die Familie vorgewarnt und ihnen angeboten, sie in seiner Wohnung zu verbergen. Danach ging alles ganz schnell; im Februar 1939 saß die Familie im Zug in die Niederlande. In Oldenzaal, an der niederländischen Grenze, wurden sie trotz ihrer legalen Papiere von der niederländischen Polizei aus dem Zug geholt. Ein Jahr lang waren sie an verschiedenen Orten inhaftiert, bis dem Vater angeboten wurde, nach Westerbork zu gehen und dort das Lager aufzubauen. Da ihm versichert wurde, dass dann die Familie zusammen bleiben könne, nahm er an. Im Juli 1941 übernahm die SS von der niederländischen Polizei das Lager Westerbork, das nun zum Durchgangslager wurde. Pro Tag kamen 1.500 bis 2.000 Menschen aus den gesamten Niederlanden nach Westerbork, in das nur 500 mal 500 Meter große Lager, in dem zeitgleich zwischen 10.000 und 15.000 Inhaftierte lebten.

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Micha Schliesser, der von Heiko Hamer vom Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk begleitet wird, sagt, er habe zwei Beweggründe, seine Geschichte zu erzählen: Erstens wolle er so viel wie möglich berichten, in der Hoffnung, dass sich solche fürchterlichen Dinge nicht wiederholten, wenn die Menschen aufgeklärt seien. Zweitens bleibe die Frage, wie man mit den Überlebenden, die so etwas Fürchterliches überlebt hätten, umgehe – gerade in der heutigen politischen Lage.

In Westerbork verbot die Mutter dienstags morgens dem Kind Micha, das Zimmer zu verlassen. Vom Fenster aus beobachtete er, wie die Menschen mit einem Koffer in der Hand über die Lagerstraße Richtung Gleis gingen, um in den Güterzug zu steigen, der in eines der deutschen Vernichtungslager fuhr. Am Abend vorher wurde verkündet, wer sich zum Abtransport einzufinden hatte. Dann begann hektisches Treiben, jeder habe verzweifelt versucht, sich und seine Familie irgendwie von der Liste streichen zu lassen, schildert Micha Schliesser. Es wurde gesagt, es seien Transporte in Arbeitslager, aber das habe niemand geglaubt, denn jedem sei klar gewesen, dass in einem Arbeitslager kräftige, junge Menschen benötigt wurden, doch über die Lagerstraße gingen Alte und Kranke, Frauen und Kinder. Nach 11 Uhr sei dann das „normale“ Leben im Lager weitergegangen. Micha Schliesser durfte das Zimmer verlassen, um in die Schule zu gehen oder mit seinen Freunden zu spielen. Er verstand nicht, warum einige Kinder fehlten, war manchmal sogar eifersüchtig, dass andere wegfahren durften und er nicht. Sein Vater leitete unter den Deutschen die Textilproduktion im Lager, dies hat ihn und seine Eltern vor den Transporten bewahrt.

Am 13.09.1944 verließ der letzte Transport Westerbork. In zweieinhalb Jahren fuhren 96 Züge mit 102.000 Menschen, von den nur rund 5.000 die Vernichtungslager überlebten.

Vor dem letzten Transport wurde bekannt gegeben, dass einige Insassen bleiben durften, um das Lager abzubauen. Doch Kinder waren dabei nicht vonnöten, so wurde Micha Schliesser zusammen mit einem älteren Mädchen in einem heimlich gegrabenen Kellerloch versteckt. Drei Tage blieben sie dort, bis der letzte Transport abgefahren war. Der Kommandant des Lagers habe danach nichts mehr gemacht, aus Angst davor, was nach Kriegsende mit ihm passieren werde. Am 12. April seien sie morgens wach geworden und die Deutschen seien weg gewesen. 900 holländische und deutsche Juden, unter ihnen 22 Kinder, wurden von den Kanadiern befreit. Micha Schliesser durfte mit einem Soldaten auf einem Panzer fahren. Der Soldat schenkte ihm Schokolade, die das Kind Micha eine halbe Stunde lang in der Hand hielt, bis er seine Mutter fragen konnte, was das sei – Schokolade kannte er nicht.

Die Eltern von Micha Schliesser erhielten schließlich die Erlaubnis, in den Niederlanden zu bleiben und gingen im Juli 1945 nach Amsterdam. Dort habe für ihn die schlimme Zeit begonnen, erzählt Micha Schliesser. Alles sei unbekannt gewesen. Die Familie habe in einem Zimmer im 3. Stock gewohnt, beim Blick aus dem Fenster habe er zu seinem Vater gesagt: „Die Menschen sind hier alle so klein“. Ihm sei die Perspektive völlig unbekannt gewesen. Alles sei so beängstigend gewesen, er habe die Menschen nicht gekannt, er habe die Umgebung nicht gekannt, er habe gar nichts gekannt. Daher ist er der Meinung, man solle die Menschen, die jetzt aus den fürchterlichsten Umständen in ein unbekanntes Land kommen, unterstützen und ihnen helfen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten.

Sonja Büscher


Verlinkung:

Westerbork http://www.kampwesterbork.nl/de/index.html#/index

P.S.

Micha Schliesser wird auch für das spannende Projekt „Auf dem Weg von Anne Frank“ interviewt, mehr dazu unter: http://www.aufdemwegvonannefrank.de/2013/04/auf-dem-weg-von-anne-frank-im-tv/

Fotostrecke von der Veranstaltung