Auf den Apfel gekommen!

Das Westfalen-Kolleg pflanzte am 3. Juni 2015 im Rahmen des NRW-weiten Aktionstages zum 20jährigen Jubiläum von „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ einen Apfelbaum.
Ein Apfel ist eine runde Sache und bietet ganz offensichtlich viele unterrichtliche Anknüpfungspunkte - sei es dass, ein Apfel und die erste Misswahl im Lateinunterricht vorkommen oder der Tell’sche Apfel Zielpunkt der Deutschstunde sein kann oder auch der Apfel ein biblisches Requisit ist. Von der botanischen Thematik mal ganz zu schweigen. Was aber sind die historischen Dimensionen des Apfels? Und kann ein Apfel einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten? Der Korbiniansapfel, der hoffentlich demnächst im Garten des Westfalen-Kollegs Früchte tragen wird, kann es!

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Mit dem Korbiniansapfel, der nach dem katholischen Priester Korbinian Aigner (1885-1966) benannt wurde, hat es nämlich eine besondere Bewandtnis. Aigner, der nach seiner Priesterweihe in dienstlichen Beurteilungen der bayerischen Kirchenobrigkeit wegen seiner Vorliebe für die Damen- und die Apfelwelt („mehr Pomologe als Theologe“) kritisiert und mehrfach strafversetzt wurde, hatte nämlich neben der großen Leidenschaft für den Obstanbau auch ein sehr waches Interesse an der Tagespolitik der Weimarer Republik und der NS-Zeit. Früh hatte er begonnen die Nationalsozialisten zu kritisieren und sich ihnen zu verweigern. Am 9. November 1939, einem für Deutschland sehr geschichtsträchtigen Datum, bezog er im Religionsunterricht an der Schule seiner Gemeinde deutlich Stellung zu dem am Vortage gescheiterten Hitler-Attentat Georg Elsers: „Ich weiß nicht, ob das Sünde ist, was der Attentäter im Sinn hatte. Dann wäre halt vielleicht eine Million Menschen gerettet worden.“ Eine Denunziation brachte Aigner Gefängnishaft und anschließende KZ-Haft in Sachsenhausen und Dachau ein. In Dachau gelingt es dem Pfarrer mit Apfelsamen, die eine Klosterschülerin in das Lager schmuggeln ließ, Apfelbäume zu züchten und deren Setzlinge mitzunehmen, als das Lager gegen Kriegsende von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Pfarrer und Setzlingen gelingt die Flucht: Korbinian Aigner kehrt nach dem Krieg in seine Pfarrgemeinde zurück und engagiert sich weiter für den Obstanbau – so hielt er auch viel Apfel-und Birnensorten in mehr als 900 Aquarellgemälden fest. Von den Züchtungen aus der KZ-Zeit, die er pragmatisch KZ-Apfel Nr. 1-4 genannt hatte, reüssierte die Nummer 3, die ihm zu Ehren in Korbiniansapfel umbenannt wurde.
Die 'nachgeborenen' Apfelbäume dieser Sorte lassen sich deshalb gewissermaßen als Zweitzeugen des NS-Terrors verstehen und erinnern an mutigen Widerstand gegen die NS-Diktatur. Gleichzeitig möchten die Studierenden und Lehrenden des Westfalen-Kollegs mit der Pflanzung auch ein Zeichen für ein Miteinander in Toleranz setzen.

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P.S. Die Veranstaltung wurde durch die unterschiedlichste Unterstützung so vieler getragen: Den helfenden Händen des Agricola-Berufskollegs, insbesondere dem Kollegen Schlamann, den geladenen Besuchern, unseren Studierenden, der Kollegin Miriam von Gersum-Behrens, der Hausmeisterei, ihnen allen sei hiermit nochmals gedankt.

Quellen:
WDR Zeitzeichen vom 11.5.2015: 1885 - Geburtstag des Pfarrers Korbinian Aigner
http://www.bund-lemgo.de/download/Ap_Korbiniansapfel_-_Apfelpfarrer_569.pdf

Fotostrecke von der Veranstaltung