Wenn man nicht weiß, woher man kommt ...

„Wenn man nicht weiß, woher man kommt, weiß man nicht, wohin man geht.“
- Professor Erika Rosenberg-Band zu Gast im Westfalen-Kolleg Dortmund -

Bild 1 Erika Rosenberg


Dolmetscherin, Autorin, Journalistin, Dozentin, Lehrerin, Biographin von Emilie und Oskar Schindler und Zweitzeugin der NS- Zeit, ferner Zeitzeugin der argentinischen Diktatur – all dies ist Erika Rosenberg in einer Person. 1951 wurde sie in Buenos Aires als Tochter deutsch-jüdischer Einwanderer geboren, die bereits 1936 vor dem NS-Terror aus Deutschland geflohen waren.
Bild 5 Cafeteria

Etwa 200 Kollegiatinnen folgten dem Gespräch, das Studierende eines Geschichtskurses des Westfalen-Kollegs mit Erika Rosenberg in der hauseigenen Cafeteria führten. Die Fragerunde, die das Publikum mit einbezog, kreiste dabei um die Themen NS-Zeit und Exil, die argentinische Junta und das Ehepaar Schindler, aber auch um den Zusammenhang von traumatischen Verlusterfahrungen mit der Lebenseinstellung. Erschwert wurde den Deutschen, die nach 1933 vor den Nationalsozialisten auf einen anderen Kontinent geflohen waren, die Verarbeitung ihrer Traumata dadurch, dass sie alten Nazigrößen nach dem Krieg in Argentinien vielerorts begegneten, und der Demokratie auch in der neuen Heimat keine lange Dauer beschieden war. Wieviel Ähnlichkeit die Zeit der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) mit dem NS-Regime aufwies, machte Erika Rosenberg mit der Schilderung ihrer Erlebnisse als Lehrerin am Goethe-Institut in jener Phase deutlich: Die Schulbänke leerten sich, während vor dem Gebäude schwarze Wagen gesichtet wurden.

Bild 2 Studierende mit Frau Erika Rosenberg


Erika Rosenbergs Eltern, in Deutschland Ärztin und Jurist, war mit gefälschten Pässen die Flucht nach Paraguay gelungen, von wo sie unter abenteuerlichen Bedingungen nach Argentinien gelangt waren. In ihrem Elternhaus habe die deutsche Kultur immer eine Rolle gespielt und ihr sei häufig die Rolle einer Mittlerin zwischen dieser Lebenswelt und der argentinischen Umwelt zugefallen. Erika Rosenberg-Band sieht sich selbst einerseits als halb argentinisch, halb deutsch, andererseits als Weltbürgerin. Obwohl von ihren beiden Familien väterlicher- und mütterlicherseits, abgesehen von ihren Eltern, niemand den Holocaust überlebte, steht sie Deutschland nicht ablehnend gegenüber. Im Gegenteil: Sie hat immer wieder die Heimat ihrer Eltern bereist, oft aus beruflichen Gründen, als Autorin, aber auch in den 80er Jahren mit ihrer Mutter. Die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte sei für sie umso dringender gewesen, als die Eltern – wie viele Holocaustüberlebende –dazu geschwiegen hätten. 1990 lernte Erika Rosenberg allerdings die in Argentinien in ärmlichen Verhältnissen lebende Emilie Schindler, Witwe Oskar Schindlers kennen. Aus dieser Begegnung sei eine Freundschaft erwachsen zwischen einer Frau, die zusammen mit ihrem Mann zur Fabrikarbeit abkommandierte Juden rettete, und einer Nachfahrin verfolgter Juden. Emilie Schindler aus dem Schatten ihres Ehemannes geholt zu haben, ist das Verdienst Erika Rosenbergs, die in der Folge auch zur Anwältin der Schindlerwitwe wurde und sie in den letzten Lebensjahren unterstütze, u.a. in der Auseinandersetzung um die Filmrechte der Schindlergeschichte. Die Begegnung mit Emilie Schindler sei – so Erika Rosenberg – zu einem der Wendepunkte im ihrem Leben geworden. Ihrem Publikum gibt der argentinische Gast als Fazit der Gesprächsrunde im Westfalen-Kolleg mit auf den Weg: Nie aufgeben, immer dranbleiben!

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