Den Vergessenen ihre Namen zurückgeben ...

Zu den 246 Stolpersteinen, die in Dortmund an die Menschen erinnern, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, sind zwei hinzugekommen:

Am Freitag, dem 12.06.2015, hat die Geschichtsfachschaft des Westfalen-Kollegs – gemeinsam mit Dror Avner, dem Urenkel der Eheleute – Stolpersteine für die Eheleute Jordan, die in der Rheinischen Straße 56 (gegenüber dem Kolleg) wohnten, verlegt.

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Wahrscheinlich war der Kaufmann Aron Jordan (geb. 1872) der Besitzer des Hauses und hatte sein Geschäft im Erdgeschoss. Mit seiner Ehefrau Auguste (geb. 1875) hatte er drei Kinder: Paul (geb. 1906), Hermann (geb. 1907) und Helga (geb. 1912).

Helga Jordan emigrierte 1934 mit der jüdischen Jugendorganisation Alija nach Palästina und überlebte so die Shoa. Sie heiratete dort einen Deutschen, der zur selben Zeit ausgewandert war. Ein Enkel der beiden, Dror Avner, hat den Weg zurück nach Deutschland gefunden und lebt inzwischen in Berlin. Er hat mit seiner Frau Meike und seiner Tochter Romy an der Stolpersteinverlegung teilgenommen.

Auch der Sohn Herrmann überlebte die Shoa, wahrscheinlich lebte er mindestens ab 1937 wie seine Schwester in Palästina, bevor er Ende der 1960er Jahre zurück nach Deutschland ging.

1937 waren Aron und Auguste Jordan zu ihrer Tochter nach Palästina gereist. Da sie sich nicht vorstellen konnten, illegal im Land zu bleiben, fuhren sie zurück nach Deutschland, in der Absicht, mit ihrem Hausstand auszuwandern – das sollte sich als Fehlplanung erweisen, denn 1938 durften sie nicht mehr ausreisen.

Aron Jordan wurde bereits im November 1938 im Anschluss an die Pogromnacht durch die Gestapo mehrere Tage in „Schutzhaft“ festgehalten. Schließlich gehörten er und seine Ehefrau Auguste zu den 324 überwiegend älteren Dortmunder Jüdinnen und Juden, die auf Geheiß der Dortmunder Gestapo nach Theresienstadt deportiert wurden. Vorher hatten sie sich – wie die anderen Betroffenen – am 27. Juli 1942 im Sammellager im Saal der Gaststätte „Zur Börse“ in der Steinstraße 35 zu melden. Am 29. Juli deportierte man das Ehepaar Jordan per Zug nach Theresienstadt. Aron Jordan kam noch vor Ablauf des Jahres im Dezember 1942 um, seine Ehefrau Auguste im Frühjahr 1943.

Ihr Sohn Paul zog nach Hildesheim, wo er Erika Stern heiratete, mit der er einen Sohn hatte, der die Shoa überlebte. Paul Jordan wurde nach Sobibor deportiert, wo er im Mai 1943 ermordet wurde.

Dieser Familie und aller anderen Verfolgten und Ermordeten gedachten diejenigen, die bei der Stolpersteinverlegung sprachen: Sebastian Seng vom Jugendring, der stellvertretende Bezirksbürgermeister Ralf Stoltze, Dr. Anja Wieber vom Westfalen-Kolleg und der Rabbiner Avichai Apel. Danach verlegte ein Schüler des Agricola-Berufskollegs die Gedenksteine für Auguste und Aron Jordan.

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Im Anschluss an die Stolpersteinverlegung auf der Straße wurde der vor kurzem gepflanzte Apfelbaum der Sorte KZ 3/Korbinian auf dem Schulgelände besucht. Dort stellte die Studierende Isa Graute-Wolf ihre Installation vor, mit der sie an die Familien Jordan und Neugarten (für die das Westfalen-Kolleg im letzten Jahr Stolpersteine verlegt hat) erinnert.

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Schließlich trafen sich Studierende und Lehrende des Kollegs sowie die Angehörigen der Familie Jordan und Freunde zu einer weiteren Gedenk-Zeremonie in der Schule, bei der Texte gelesen sowie Filmausschnitte und Fotos angesehen wurden. Originaldokumente und Gegenstände wie ein Bettlaken zur Simulation des Platzes, den ein in Theresienstadt Inhaftierter hatte, machten bei dieser Veranstaltung das Leben im Ghetto nachvollziehbar, aber nicht verständlich. An jenem Ort, an dem auf einzelnen Totenscheinen lediglich vermerkt wurde, dass „an der Leiche kein Schmuck vorgefunden worden (ist)“, hatten die Deportierten ihr Hab und Gut, ihre Würde, ihren Namen und am Ende meistens ihr Leben verloren. Auguste und Aron Jordan als Bewohner der Rheinischen Str. dem kollektiven Gedächtnis zurückzugeben, ist Ziel der Aktion – umso berührender, wenn Verwandte der Familie Jordan an diesem Tag anwesend sind.

Sonja Büscher/Dr. Anja Wieber



P.S. Auch diese Veranstaltung konnte nur gelingen durch die Unterstützung vieler.
Den helfenden Händen des Agricola-Berufskollegs und dem Kollegen Schlamann, Rabbi Apel von der jüdischen Gemeinde, den geladenen Besuchern, unseren Studierenden, die bei der Veranstaltung assistierten, der Cafeterie und der Hausmeisterei, ihnen allen sei hiermit nochmals gedankt.

Synopse zum Schicksal der Familie Jordan



Fotostrecke von der Veranstaltung