Ich ging in die Küche und da saß Nelson Mandela

- Ruth Weiss zu Gast im Westfalen-Kolleg Dortmund -
1948. Die junge deutsche Waise Sara, aufgeschlossen und blond, kommt aus dem zerbombten Deutschland nach Südafrika und wird mit offenen Armen von ihrer neuen Familie, sehr angesehenen Buren, aufgenommen. Als aber ihre Papiere mit Verspätung eintreffen und sie als Jüdin ausweisen, entzieht das Familienoberhaupt ihr die Zuneigung, ohne dass Sara den Grund erfährt. Doch sie lässt sich nicht unterkriegen und aus dem Gefühl des Ausgegrenztseins entsteht eine Sensibilität für die Ungerechtigkeiten der Apartheid und Sara wird zu einer Anwältin der schwarzen Sache.

weiss1

Alles nur erfunden? Nein! Denn dies ist die Handlung eines Romans („Meine Schwester Sara“, 2002) der Autorin und Journalistin Ruth Weiss (geb. 1924), deren Lebensweg zwar nicht als konkrete Vorlage für die Romanhandlung gelten darf, aber erklärt, woher die Einsicht in Parallelen zwischen der Gedankenwelt des NS-Antisemitismus und der des Apartheidregimes rührt und wieso Ruth Weiss zu einer Aktivistin gegen jede Form von Rassismus wurde. Als Kind jüdischer Eltern hatte sie bereits zu Beginn ihrer Schulzeit in Deutschland Diskriminierungen am eigenen Leib erfahren und im südafrikanischen Exil erlebte sie seit 1936, wie sehr die schwarze Bevölkerung Südafrikas politisch, wirtschaftlich und sozial ausgegrenzt und ausgebeutet wurde. In ihrem weiteren Leben, das für die damalige Zeit nur auf den ersten Blick konventionell war, entschied sie sich nie für den Weg des geringsten Widerstandes. Sie wurde Journalistin mit Expertise in Politik und Finanzen, damals sehr ungewöhnlich für eine Frau. Sie ließ sich von einem dominanten Ehemann scheiden und zog ihren Sohn aus einer anderen Beziehung allein auf, sie scheute sich nicht konkret politisch gegen die Apartheid Stellung zu beziehen, was ihr die Ausweisung aus Südafrika und zeitweilig auch aus Rhodesien eintrug. Sie lebte an wechselnden Orten in Afrika, in London, Köln, auf der Isle of Wight und hat nie die afrikanische Sache aus den Augen verloren. Ihr Kontakt zu den verschiedenen Vertretern der Anti-Apartheidsbewegung und des afrikanischen Freiheitskampfes, mit manchen ist sie seit den 50er Jahren sozusagen auf Du und Du, ihre unzähligen Interviews und Artikel zu diesem Thema machen sie zu einer ausgewiesenen Afrikakennerin.

weiss4

Dass diese Kämpferin für Toleranz, deren einzige Waffen die Tasten der Schreibmaschine und das Mikrofon waren und sind, nun 2014 das Bundesverdienstkreuz erhielt, kommentiert sie selbst, die ihren Alters(un)ruhesitz seit 2002 in Lüdinghausen genommen hat, mit den Worten: „Das ist nicht mehr das Deutschland, das ich verlassen habe.“ Auch deswegen hat es sich die Pensionärin zur Aufgabe gemacht, in möglichst viele deutsche Schulen zu gehen und aus ihrem Leben zu erzählen.
Am 16. April nun – übrigens in Israel der Nationalfeiertag Jom haScho’a zum Gedenken an die Opfer des Holocausts, war Ruth Weiss Mittelpunkt einer Veranstaltung in der Cafeteria des Westfalen-Kollegs Dortmund, an der mehr als 250 Studierende und Gäste teilnahmen. Ihr Bericht reichte von Mobbing-Erfahrungen als junge Schülerin im NS-Deutschland und der blitzartigen Ausbreitung des Antisemitismus in ihrer Heimatgegend über ihre Ankunft in Afrika, bei der sie lernte, dass weiße Kinder schwarze Babys nicht berühren dürften, bis hin zu ihren wechselvollen Berufsjahren und den weiteren Exilerfahrungen. Natürlich gab es Nachfragen zu ihrer Bekanntschaft mit Nelson Mandela, die die Befragte bescheiden kommentierte, aber auch die Frage, wie denn ihre Eltern mit der doppelten Erfahrung eines Unrechtsregimes umgegangen seien. Ruth Weiss berichtete von ihrem Vater und ihrer Mutter, die Südafrika eigentlich nie richtig als ihre Heimat akzeptiert hätten. Sie selbst sei ja bei ihrer Ankunft sehr neugierig auf die afrikanische Kultur gewesen, habe dann aber feststellen müssen, dass diese Kultur in Südafrika eher ghettoisiert war und der Alltag britisch-burisch dominiert wurde. Selbst ärmere weiße Familien hätten damals ein bis zwei schwarze Hausangestellte gehabt, die über keinerlei Bürgerrechte verfügten. So sei sie als 10jährige berechtigt gewesen, für ihre erwachsene Haushälterin einen Passagierschein auszustellen, den diese wiederum für den Weg vom Arbeitsplatz in ihre Wohnstätte in den von Schwarzen bewohnten Townships brauchte. All diese Ungerechtigkeiten, die Verhaftungen der Schwarzen aus nichtigen Anlässen, deren Infantilisierung – hießen doch alle Schwarzen egal welchen Alters „boy“ oder „girl“ – und der ausbeuterische Einsatz der Verhafteten auf Farmen, vergleichbar einem Arbeitslager, habe es ihr trotz der anfänglichen Neugier auf das Land schwer gemacht in Südafrika eine Heimat zu finden.

weiss5

Am Ende der Veranstaltung kommt die Autorin auf ihr Buch „Meine Schwester Sara“ zu sprechen und offenbart, dass die Hauptperson des Buches eine reale Vorlage in dem Schicksal eines Freundes hat. Dafür dass Ruth Weiss auch das Westfalen-Kolleg an ihren Erfahrungen eines lebenslangen, couragierten Kampfes gegen den Rassismus teilhaben ließ, waren am Ende dieser Geschichtsstunde der besonderen Art alle Anwesenden dankbar.

Sonja Büscher/Dr. Anja Wieber

Fotostrecke von der Veranstaltung